Gebisskunde




Gebisskunde


Welches Material sollte ich für mein Gebiss wählen?

Abgesehen von der Gebiss Form, Größe, Länge, Dicke und Art muss man sich auch immer mit dem Gebissmaterial auseinander setzten. Es gibt einige unterschiedliche Materialien, aus denen Gebisse gefertigt werden.


Das gängigste Material für Gebisse ist Edelstahl. Edelstahl gibt es in unterschiedlichen Zusammensetzungen und besteht aus Stahl und verschiedenen Edelmetallen. Stahl wiederum ist Eisen, das mit Kohlenstoff versetzt wurde.

Um nun Edelstahl zu erhalten, wird der Stahl mit verschiedenen Edelmetallen zu unterschiedlichen Legierungen gemischt. Die meist verwendete Legierung für Edelstahl Gebisse besteht aus Stahl, Chrom und Nickel.


Ein weiteres, häufig genutztes Material ist Argentan. Argentan ist eine Metalllegierung, die bereits im 18. Jahrhundert Anwendung fand. Sie besteht zu unterschiedlichen Teilen aus Kupfer, Nickel und Zink. Argentan wird auch als Neusilber oder German silver bezeichnet, da es oft für den Kern von Besteck genutzt wird, das z.B. eine echtsilberne Beschichtung hat.

Gebisse, die aus Argentan hergestellt werden, können von hell golden bis dunkel silberfarben sein, je nachdem wie hoch der Kupferanteil in der jeweiligen Legierung ist.

Die meisten Gebisse, die im Handel erhältlich sind bestehen also aus Legierungen, die unter anderem Nickel enthalten. Nickel kann, speziell an Schleimhäuten, allergische Reaktionen hervorrufen, die von Juckreiz und Rötungen bis hin zu schmerzhafter Bläschenbildung reichen können.


Eine Alternative zu nickelhaltigen Legierungen bieten z.B. die von Sprenger patentierten Legierungen  Aurigan und Sensogan. Aurigan besteht aus 85% Kupfer, Silizium und Zink. Sensogan besteht aus reduziertem Kupferanteil, Mangan und Zink. Um Kupfer Nickelfrei zu halten sind aufwendigere Arbeitsschritte notwendig, die das Material teurer machen, weshalb die Aurigan und Sensogan Gebisse von Sprenger höher preisig sind als Gebisse aus Edelstahl oder Argentan.


Die Firma Busse hat auch eine Legierung patentieren lassen, die eine Alternative zu den teuren Aurigan und Sensogan Gebissen darstellt und nennt es Kaugan. Auch Kaugan ist eine nickelfreie Legierung mit hohem Kupferanteil, der aber geringer ist als bei den Legierungen von Sprenger. Daher sind Kaugan Gebisse weniger golden als Aurigan Gebisse und weniger teuer.


Kupfer wiederum hat mehrere positive Eigenschaften. Zum einen wirkt es antibakteriell, zum anderen schmeckt es süßlich, wenn es oxidiert. Dies regt die Speichelbildung bei Pferden an, die dadurch angeregt werden vermehrt zu kauen und grundsätzlich das Gebiss besser annehmen.




Eine gern bei Westerngebissen genutze Beschichtung ist das so genannte Sweet Iron. Das zwangsläufig entstehende Eisenoxid (Rost) schmeckt ebenfalls süßlich und soll, genau wie Kupferoxid zum Kauen anregen. Häufig werden Sweet Iron Gebisse mit reinen Kupfer Einlagen ergänzt, was den Effekt verstärken soll.

Alternativ zu Metallgebissen nutzen Reiter gern Gebisse aus Kunststoff. Der Wunsch ist ein weicheres Material als Metall im Pferdemaul zu nutzen und damit sanfter einwirken zu können. Auch hier gibt es unterschiedliche Zusammensetzungen, wodurch der Kunststoff mal härter, mal weicher ist. Problematisch bei Kunststoff sind immer die so genannten Phthalate, die benötigt werden, um den Kunststoff weich zu halten und zu verhindern, dass er porös und spröde wird. Phthalate beeinflussen wissentlich den Hormonhaushalt von Wirbeltieren. Bestimmte Dosierungen können unfruchtbar machen und bei männlichen Föten zu Feminisierung führen.


 Sicherlich reicht die Dosierung in einem Gebiss nicht aus um ernsten Schaden bei einem Pferd zu verursachen, dennoch sollte man diese Tatsachen im Hinterkopf behalten, wenn man sich für Metall oder Kunststoff entscheiden muss.

Meine persönliche Erfahrung ist wie folgt. Passt man das Gebiss sinnvoll an die Anatomie des jeweiligen Pferdemauls an, nehmen die Pferde jedes Material gut an. Nur eine Allergie auf bestimmte Metalle, meist auf Nickel, muss beachtet werden. Der respektvolle Umgang mit dem Pferdemaul, also mit dem Zügel, und ein nach FN verschnalltes Reithalfter („…zwei Finger (eines durchschnittlichen Erwachsenen) … zwischen Nasenrücken und Reithalfter Platz finden…“) sind Grundvoraussetzungen, damit das Pferd kauen kann und das Gebiss gut annimmt. Und damit kommen wir zur Anpassung des Gebisses.








Welches Gebiss passt zu dem Maul meines Pferdes?

Hat man sich nun für ein bestimmtes Material entschieden, muss darüber nachgedacht werden, welche Art von Gebiss gewählt wird. Hierbei sind verschiedene Faktoren zu beachten. Angefangen mit der Breite, die von Maulwinkel zu Maulwinkel gemessen wird. Und der Gebiss Dicke bzw. Gebiss Stärke, die am Maulwinkel gemessen wird.
 


Grundsätzlich sollte ein Gebiss vor allem lang genug sein. Wie lang ein Gebiss sein sollte erkennt man am Besten, wenn man das Pferd auftrenst, sich davor stellt und das Gebiss zu beiden seiten gleichmäßig gerade zieht. haben die Maulwinkel ein genig Platz oder liegen locker am Gebissrand an, passt die Länge. Wird das Gebiss zu einer ober beiden Seiten an den Maulwinkel gedrückt, obwohl man es lang zieht, ist es zu kurz. Ist man unsicher, ist immer eher ein zu langes, als ein zu kurzes Gebiss zu wählen!

Die Dicke oder Stärke des Gebisses entscheidet die Anatomie des einzelnen Mauls. Hierfür muss man die Maulwinkel seitlich öffnen und schauen, wie viel Platz zwischen Ober- und Unterkiefer vorhanden ist. Hierbei muss man nicht nur den Knochen, sondern auch das Weichgewebe beachten. 



(Quelle: Cavallo)

Bei der Gebissstärke gilt, lieber zu dünn als zu dick. Ist man sich also unsicher, wählt man lieber ein dünneres Gebiss. Stoßen Ober- und Unterkiefer beim schließen des Mauls auf das Gebiss, kann dies zu Schmerzen führen, die zu Abwehrverhalten und Wiedersetzlichkeiten führen können. Der weit verbreitete Glaube, ein dickeres Gebiss sei sanfter für das Pferd ist inkorrekt, wie viele andere Müten im Reitsport.

Haben wir nun die korrekte Länge und Dicke ermittelt geht es um die Form. Die Form eines Gebisses wird durch seine Bauweise bestimmt. Je nachdem wie das Maul des jeweiligen Pferdes anatomisch geformt ist, muss man nun die Gebissform wählen. Hierbei ist zu beachten, dass doppelt gebrochene Gebisse von dem Pferd beim kauen weiter in Richtung der Hengst bzw. Schneidezähne geschoben werden können, als ein einfach gebrochenes, eine B-Ring Trense (Baucher Gebiss) oder ein Stangengebiss. Außerdem liegt ein doppeltgebrochenes Gebiss runder auf der Zunge. 
Wenn man also ein doppelt gebrochenes Gebiss wählen möchte, sollte das Pferd, das man damit reiten möchte, zum einen eine lange Maulspalte haben und eine eher große, fleischige Zunge, und einen runden Gaumen. Dass ein doppelt gebrochens Gebiss sanfter für das Pferdemaul ist als einfach gebrochene oder ungebrochene Gebisse, ist auch ein Irrglaube.

Für ein Pferd mit normaler Maulspalte, Zunge und Gaumen, ist ein einfach gebrochenes Gebiss geeignet. Den berühmten Nussknackereffekt hat ein doppelt gebrochenes Gebiss ebenso wie ein einfach gebrochenes. Auch wirken beide Gebisse auf den Gaumen ein. 

Ein einfach gebrochenes Gebiss ist hier immer einem doppelt gebrochenem Gebiss vor zu ziehen. Denn ein Maul, dass für ein doppelt gebrochenes Gebiss geeignet ist, kann eben so gut mit einem einfach gebrochenem Gebiss geritten werden. Aber ein Maul, dass anatomisch besser für ein einfach gebrochenes Gebiss geeignet ist, kann mit einem doppelt gebrochenem Gebiss gestört oder sogar verletzt werden, z.B. durch das anstoßen an die Hengstzähne.

Hat das Pferd besonders wenig Platz zwischen Maulwinkel und Zähnen muss entweder eine B-Ring Trense (Baucher Gebiss) oder ein Stangengebiss gewählt werden. Diese Gebisse liegen gerade von Maulwinkel zu Maulwinkel, auch wenn das Pferd kaut. So kann das Gebiss nicht an die Zähne stoßen. 

Es muss auch darauf geachtet werden, dass das Gebiss nicht zu weit nach oben verschnallt wird. Zwei Falten am Maulwinkel ist eine schlechte Faustregel. Nicht nur, dass das aufwärts ziehen des Maulwinkel unnötig Spannung in die Lefzenhaut gebracht, ohne einen positiven Effekt. Im Gegenteil ist es eher so, dass je wenig er Druck das Gebiss ohne dass es verwendet wird auf das Maul ausübt, desto feiner kann das Pferd beim reiten reagieren. Außerdem könnte es ab die Backenzähne stoßen, was ebenso schmerzhaft sein kann, als wenn es an die Hengst- oder Schneidezähne stößt.
Aber dennoch darf das Gebiss auch nicht zu tief eingeschnallt werden, denn zu tief liegende Gebisse können (außer an die vorderen Zähne zu stoßen) unruhig im Maul liegen oder das Pferd ermuntern die Zunge darüber zu legen. 
Auch hier gilt also, jedes Gebiss muss individuell auf jedes Pferdemaul angepasst werden, auch was die Position angeht. 
Mal sitzt ein Gebiss ideal mit keiner Falte, manchmal mit einer, mehr als zwei Falten sollten am Maulwinkel aber nicht entstehen. 


Wie wirken die unterschiedlichen Gebisse? 

Vorab möchte ich anmerken, dass ein Gebiss immer nur so weich oder scharf wirken kann, wie die Reiterhand es verwendet. Das wichtigste ist also, dass wir uns klar machen, was passiert, wenn wir beide Zügel stark annehmen müssen. Zum Beispiel, wenn das Pferd droht durchzugehen. 



Anfangen möchte ich mit der standartmäßig für Jungpferde verwendeten, dicken, doppelt gebrochenen Wassertrense. Dieses Gebiss gilt als besonders schonend und weich für das Pferdemaul. Leider entspricht dies nicht der Realität. Wassertrensen können grundsätzlich den Maulwinkel einklemmen und entwickeln meist nach und nach scharfe Kanten. Nimmt man eine doppelt gebrochene Trense an, kann man nicht nur die Zunge des Pferdes auf dem Unterkiefer fixieren, sondern hebelt, eben wegen des Mittelsücks, das Metall direkt um den Unterkiefer. so entsteht der bekannte "Nussknacker-Effekt"



Die einfach gebrochene Trense ist eine ebenso häufig verwendete Trense, wie die doppelt gebrochene. Die meisten Reiter verbinden mit der einfach gebrochenen Trense den so genannten "Nussknacker-Effekt", obwohl dieser bei der doppelt gebrochenen Trense ebenso stattfindet. Der wichtigste Unterschied zur doppelt gebrochenen Trense ist, dass die Zunge weiterhin bewegbar bleibt. Dadurch ist das Pferd in der Lage weiterhin zu kauen und somit eher das Genick wieder zu lockern und dem Druck im Maul nachzugeben.



Das Stangengebiss wird meist als Kandare, eher selten als Trense genutzt. In jedem Fall muss bedacht werden, dass ein doppelseitiges Annehmen der Zügel zu punktuellem Druck auf die beiden Unterkieferäste zur folge hat und auch hier die Zunge fixiert werden kann. Nimmt man nur einen Zügel an, hat dies immer Einfluss auf den Oberkiefer der anderen Seite, da das Gebiss, egal ob als Kandare oder als Trense, immer insgesamt bewegt wird. Nimmt man also nur den rechten Zügel an, dreht das Gebiss gegen den rechten Unterkieferast und gegen den linken Oberkieferast. Das Reiten mit einer Stange sollte also immer von geübten Reitern und gut ausgebildeten Pferden erfolgen. 






Die Schenkel- oder Knebeltrense sieht oft scharf und umständlich aus, ist aber ein sehr gutes Gebiss, um zum Beispiel junge Pferde anzureiten oder Pferde, die starke Wiedersetzlichkeiten beim Reiten zeigen, zu korrigieren. Durch die beiden Stege, die sich seitlich am Gebiss bedinden, wird Druck, der durch ein einseitiges Annehmen der Zügel verursacht wird, auf die äußere Lade abgeleitet. Daruch wird das Maul geschohnt und ein durch ziehen des Gebissen, durchs Maul, in der Regel verhindert. 


Kandare

Palham

Ein weiteres großes Thema sind die Hebelgebisse. Hierzu zählen hauptsächlich Reit- und Fahrkandaren sowie Palhams. Der Hebel entsteht, indem eine Kette oder ein Leder von Oberbaum zu Oberbaum um den Unterkiefer befestigt wird. Nimmt man nun die Zügel an, erhält man nicht nur Druck auf die Zunge, die Laden und die Unterkieferäste, sondern auch auf das Genick und den äußeren Unterkiefer.
(In eigener Sache möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass die Verwendung eines hannoverschen Reithalfters oder eines Sperriehmens in Kombination mit einem Hebelgebiss zu einer Tierschutzrechtlich relevanten Verstärkung der Hebelwirkung führen kann, weshalb ein Hebelgebiss immer mit englischem Reithalfter oder ganz ohne Reithalfter Verwendung finden sollte!)

Ganz besonders aufmerksam machen, möchte ich auf die Baucher Trense oder auch B-Ring Trense. Hierzu finden Sie auf der nächsten Seite ein erklärende Video.



hier